Die Gründung 1909 und fast das Ende 1945

Über das Gründungsdatum gibt es in den Aufzeichnungen verschiedene Angaben, aber nach Angaben des früheren Chronisten Prof. Dr. Hauptmeyer sowie einigen anderen Schriftstücken war es wohl der 17. Oktober 1909. Der ursprüngliche Name war Turn­verein Jahn Wettbergen, und die Initiative zu sei­ner Entstehung hatten einige Männer ergriffen, die zum Teil in Ricklingen Rugby gespielt oder aber in Empelde am Turnen teilgenommen hatten, insge­samt 17 an der Zahl. Die erste Versammlung fand im Gasthaus "Stecker" statt, dem heutigen Restaurant MO.

 

Als erster Vorsitzender wurde Erhardt Knoke gewählt, und das Bestreben war einfach, gemeinsam Sport zu treiben, was sich, wie der Vereinsname ver­muten lässt, zunächst auf das Turnen beschränkte. Die gemeinsamen Turnabende wurden im Saal des Gastwirtes H. Lübbe abgehalten in einer Wirtschaft an der Hauptstraße, die später den Namen ?Zum Weißen Roß" führte und im Jahr 1982 abgerissen wurde. Als Gegenleistung wurde natürlich der Bier­konsum durch die Vereinsmitglieder erhöht, was man als erste Verknüpfung zwischen Sport und Wirtschaft in Wettbergen werten kann.

 

Wer die Stellung der heutigen TuS Wettbergen in unserer Gesellschaft kennt, mag nicht glauben, dass in seiner Gründungszeit der Verein gar nicht so recht zum alten Bauerndorf Wettbergen passen wollte, denn es handelte sich ja um einen Arbeiter­sportverein. Während ein Großteil der Einwohner schon nicht mehr einer landwirtschaftlichen Tätig­keit nachging - die Industrialisierung war auf dem Vormarsch und zeigte ihre Einflüsse besonders in der benachbarten Stadt Linden - stand das Dorf im­mer noch politisch unter der Führung der Bauern. Bis zum Jahr 1890 war durch das Sozialistengesetz gemeinsame sportliche Betätigung durch Ar­beiter nicht zulässig. Erst das Vereinsgesetzes von 1908 gab den Arbeitersport­vereinen mehr Rechte. Die Folge war, dass 1909 sehr viele Vereine gegründet wurden, obwohl es noch immer zahlreiche Auflagen gab. Der Kampf für den Arbeitersport war symbolisch auch ein Kampf für die Anerkennung und Gleichberechtigung der Ar­beiterklasse. Neben turnerischen Leibesübungen be­tätigten sich die Wettberger in der Gründungszeit mit den Spielen Faust­ball und Schlagball. Aber dieses Tief wurde gemeistert, ein Beispiel da­für, dass immer wieder Wettberger Bürger die Grund­idee des Sportvereins weiterführten, im wahrsten Sinne des Wortes gesellig und vereint Sport zu trei­ben, und gegen äußere Einflüsse den Kampf immer wieder aufnahmen.

 

Friedrich Ludwig Jahn hatte in seinen Grundüberlegungen festgestellt, dass die sportliche Ertüchtigung des Kör­pers eine wesentliche Voraussetzung für die Einsatzbereitschaft von Solda­ten sei. Aus dieser Theorie wurde nur fünf Jahre nach Gründung des Turn­verein Jahn Wettbergen bittere Wahr­heit. 1914 brach der Erste Weltkrieg aus, und die Aktiven des Vereins, höchstens 50 an der Zahl und in der damaligen Zeit ausschließlich Män­ner, mussten an die Front, von wo ei­nige nie mehr zurückkehrten. Not und Elend waren in dieser Zeit Ursache für den Stillstand des Arbeitersport­betriebs, und die Existenz des Vereins war sicherlich ernsthaft bedroht.

 

1918 wurde in Deutschland die Republik ausgeru­fen, und die Arbeitersportbewegung erfuhr, wie man in der heutigen Zeit sagen würde, einen gewaltigen Boom. In der Weimarer Republik gab es eine Zentralkommission für Arbeitersport und Körper­pflege, die mit nahezu 800.000 Arbeitersportlern im Deutschen Reich zu tun hatte. In diese Kommission war auch der Arbeiter- Turn- und Sportbund einge­gliedert. Letzterem schloss sich dann der wieder zum Leben erwachte Turnverein Jahn Wettbergen an. Natürlich wurde jetzt ein eigener Sportplatz benö­tigt, der an dem Ort angelegt wurde, wo sich heute der Parkplatz des Sportparks befindet. Es gab von politischer Seite keine finanzielle Förderung, und so setzten die Sportler ihre freie Zeit, Ihre Muskelkraft, also sozusagen ihren gesamten Idealismus ein, um diesen ersten Sportplatz selber zu bauen, der sich schon damals in unmittelbarer Nachbarschaft des Schützenhauses befand. So erfuhr der Vereinssport in Wettbergen eine völlig neue Richtung, denn im Sommer konnten die Mit­glieder ihren Sport hier im Freien ausüben, berei­chert durch das Schlagballspiel, zu dem sich später dann die Sportart Feldhandball gesellte. Mit den vorhandenen Turngeräten wurde einfach auf den Platz umgezogen, und zum Winter standen sie dann wieder im Saal des Gasthauses Lübbe, wo die Turner, wie früher auch, ihre Übungsabende abhielten. Da bis zum Jahr 1917 Arbeitersportvereine als poli­tische Organisationen angesehen wurden, war die Jugendarbeit auch in Wettbergen erst ab 1918 er­laubt, denn um in politischen Organisationen mit­wirken zu dürfen, musste man mindestens 18 Jahre alt sein. So konnten im Jugendbereich bald stattli­che Ergebnisse erzielt werden. Heinrich Pulz belegte beim ersten deutschen Arbeiter- Turn- und Sport­fest, das vom 22. bis zum 25. Juli 1922 in Leipzig stattfand, einen beachtlichen zweiten Platz im Langlauf, konnte aber diesen Erfolg bei den folgen­den allgemeinen deutschen Meisterschaften in Ber­lin nicht wiederholen. Aber auch zu damaliger Zeit war der läuferische Erfolg des Sportkameraden Pulz eher eine Begleiterscheinung, denn auf Höchstlei­stungen wurde nicht bewusst hingearbeitet. Viel­mehr hatten die Mitglieder teilweise gleich mehrere Sportarten betrieben, also eine klare Tendenz zum Breitensport, wie sie auch heute noch in der TuS Wettbergen vertreten ist.

 

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war der Sport nicht mehr so sehr ein Einsatzgebiet für den Klas­senkampf der Arbeiterklasse, sondern gewann an gesellschaftlichem Stellenwert, denn inzwischen nahmen auch Bauernkinder an den Übungsstunden teil. Allerdings waren die Frauen noch nicht sehr weit in diese Männerdomäne vorgedrungen. Sie mussten sich erst einmal mit leichten Übungen in Sachen Gymnastik begnügen. Aber das tat der wachsenden Beliebtheit in Wettbergen und Umge­bung keinen Abbruch, wie sich beim 20. Vereins­jubiläum zeigte. Immerhin fanden sich aus der Nachbarschaft über dreißig Vereine zur sportlichen Geburtstagsfeier ein.

 

Doch es bahnte sich die nächste Krise an, denn ab 1930 wurden viele Wettberger arbeitslos, und in der gleichen Situation befanden sich 1932 insgesamt 47 % aller Mitglieder des Arbeiter-Turn- und Sport­bundes. Am 30. Januar übernahm Adolf Hitler die Macht in Deutschland, und aus der Arbeitersport­bewegung kam kein ausreichender Widerstand mehr. Erklärtes Ziel war es ja gewesen, eine sportli­che Vorbereitung zur Schaffung einer sozialisti­schen Gesellschaft vorzunehmen und den Kapitalis­mus aus dem Bereich der Arbeiterschaft zu entfer­nen. Aber in der Zeit vom Januar bis Juli 1933 wur­de von den Nationalsozialisten möglichst jede poli­tische Opposition ausgemerzt, und man wollte na­türlich auch eine Basisarbeit in den Sportvereinen unterbinden. Deshalb wurde der Turnverein Jahn Wettbergen im April 1933 zwangsweise aufgelöst.

 

Die Wettberger übten ihren Sport dann zum Teil in einem neu gegründeten Turnverein aus, der natür­lich die sportlichen und auch politischen Ziele des nationalsozialistischen Regimes umzusetzen hatte, wobei einige ältere Bürger sich zurückzogen und die anderen eben ihren Sport trieben, wie sie es von frü­her gewohnt waren. Damit war die Krise nicht gemeistert, denn es kam, ähnlich wie in früheren Jahren, noch schlimmer. 1939 begann der Zweite Weltkrieg, was erst eine Reduzierung des Sportbetriebes zur Folge hatte und später dann das Ende der sportlichen Aktivitäten bedeutete. In diesem Jahr hatte Wettbergen 709 Ein­wohner.

Jörg Klessmann