100 Jahre TuS Wettbergen ? Sportvereinsgeschichte als Dorf und Stadtteilgeschichte

1. TuS heute

Wettbergen hat ca. 12.500 Einwohner und ist ein 1974 eingemeindeter Stadtteil Hannovers am Südwestrand der Landeshauptstadt. Die TuS Wettbergen hat seit über 30 Jahren mehr als 2000 Mitglieder. Daher werden die meisten heutigen TuS-Mitglieder beim Eintritt ihren Verein so kennen gelernt haben, wie es einer der früheren Vorsitzenden in einem Interview unlängst beschrieb: Im Jahre 1982 erfolgte der Umzug nach Wettbergen. Da ich bereits zuvor Sport aktiv im Verein betrieb, bin ich sofort dem einzigen Sportverein in Wettbergen beigetreten? Ich habe den Verein, sowohl damals als auch heute, als große Gemeinschaft wahrgenommen, in der der gesamte Stadtteil Wettbergen organisiert war. Besonders die Tatsache, dass 90% der Vereinsmitglieder aus dem Stadtteil Wettbergen kamen, bestätigt den Verein als soziales und sportliches Stadtteilzentrum. Besonders war auch, dass die TuS Wettbergen über ein breites Angebot an unterschiedlichen Sportarten verfügte?Ich wurde von Beginn an äußerst freundlich aufgenommen, so dass ich mich gleich heimisch fühlen konnte. (Interview mit Dr. Winfried Baßmann, Sommer 2009)

Vier Phasen prägten die Geschichte der TuS:
1909 - Gründung als Arbeitsportverein
1933 - Gleichschaltung im Geist des Nationalsozialismus
1945 - Neugründung in alter Tradition
ab Ende der 1960er Jahre- Umstrukturierung zum städtischen Vorort- und Familienverein

2. Arbeitersportverein

Am 17. Oktober 1909 wurde der Turnverein Jahn im Dorf Wettbergen gegründet. Es kamen 17 junge Wettberger Männer zusammen, die zuvor in Ricklingen Rugby gespielt oder im Empelde geturnt hatten.

Gemessen daran, dass Wettbergen schon bald nach 1000 erstmalig urkundlich erwähnt wurde, sind 100 Jahre Vereinsgeschichte kurz. Wettbergen zur Gründungszeit des Vereins: ca. 500 E, nur 10 % davon Vollbauern, diese aber waren politisch bestimmend. Die Bewohnerschaft bestand mehrheitlich aus Handwerkern, Arbeitern und Gemüsebauern. Der ?Turnverein Jahn Wettbergen? hatte 1909 nichts mit dem alten Bauerndorf gemein. Er war ein Arbeitersportverein.

So hatte der Verein unter seinem ersten Vorsitzenden Erhardt Knoke keinen leichten Stand gegenüber den Vollbauern. Gastwirt H. Lübbe stellte immerhin seinen Saal (im späteren ?Weißen Roß? an der Hauptstraße, 1982 abgerissen) für Turnabende zur Verfügung und unterstützte den Verein materiell, wohl nicht zuletzt, weil die Vereinsmitglieder durch manches bei ihm getrunkene Bier den Einsatz wieder abgolten.

Wieso konnte es einen Arbeiterturnverein auf dem Lande geben? Seit Anfang des 19. Jahrhunderts rauchten in Linden die Schornsteine. Die Arbeiterschaft in der jungen Lindener Industrie kam nicht nur von fern, sondern auch aus der unmittelbaren Umgebung. Viele nachgeborene Kinder, die keinen Landwirtschafts- oder Gewerbebetrieb erben konnten, wurden in Linden Arbeiter. Zusammenschlüsse der Arbeiterschaft waren mit dem Sozialistengesetz von 1878 verboten. Zwar musste unter den realen gesellschaftlichen Bedingungen des Kaiserreichs 1890 diese Gesetz aufgehoben werden, doch ein sportliches Zusammentreffen von Arbeitern war nicht zugelassen. Dennoch wurde 1893 in Gera der Dachverband ?Arbeiter Turnerbund? gegründet. Erst das neue Vereinsgesetz von 1908 gab auch Arbeitersportvereinen gewisse Rechte ? ja führte 1909 zu einer rechten Gründungswelle -, doch blieben viele Beschränkungen und Kontrollen.

Woher kam der Name ?Jahn?? Selbstverständlich von Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852), dem ?Turnvater Jahn?. Er sah das Turnen als eine Leibesertüchtigung an, mit dem sich Deutschland von der französischen Besetzung der napoleonischen Zeit befreien könne: Turnen als patriotische Erziehung zur Vorbereitung auf den Befreiungskrieg. 1813 forderte er freie Rede, Verfassung, Einheit des Vaterlandes; 1816 formuliert er das Turnermotto frisch, fromm, fröhlich, frei. Das klingt zwar liberal, nichtsdestoweniger vertrat Jahn ein nationalistisches und fremdenfeindliches Gedankengut. Die sportlichen Ideale Jahns wurden allerdings auch von der Arbeiterturnbewegung übernommen, obgleich sie andere Ziele vertrat: sportliche Vorbereitung zur Schaffung einer sozialistischen Gesellschaft, Verdrängung kapitalistischen Gedankengutes aus der Arbeiterschaft, Entwicklung der Formen und Auffassungen des proletarischen Sports.

Ob dies in Wettbergen ebenso klar formuliert wurde, lässt sich nicht belegen, allerdings zeigt es die soziale Kluft in einem früheren Bauerndorf zur Zeit der Industrialisierung. Sportarten in den ersten Jahren: Turnen, Schlagball und Faustball. Wir wissen insgesamt wenig über die Zeit, weil schriftliche Zeugnisse rar sind. Und nur fünf Jahre nach der Vereinsgründung brach der Erste Weltkrieg aus. Die höchsten 50 Aktiven des Vereins mussten ins Feld ziehen, einige kamen nicht mehr zurück. In den Hungerjahren des Kriegsendes 1917/18 erlag der Sportbetrieb völlig.

Als im November 1918 die erste deutsche Republik ausgerufen wurde, konnte die Arbeitersportbewegung einer Blüte entgegenblicken. Die Zentralkommission für Arbeitersport und Körperpflege umfasste während der Weimarer Republik alsbald bis zu 800.000 Arbeitersportler im ganzen deutschen Reich. Zu dieser Zentralkommission gehörte auch der Arbeiter- Turn- und Sportbund (Nachfolger des Verbandes von 1893), dem sich der wieder entstehende Turnverein Jahn Wettbergen anschloss. Nun erst ging es mit dem Wettberger Sport recht bergauf. Auf dem Gelände des heutigen Parkplatzes vor dem Sportpark entstand in Freizeitarbeit der erste Sportplatz. Im Sommer zogen es die Turner vor, nun hier und nicht im Saal des Gasthauses Lübbe zu üben.

Eine wichtige, bis heute für Wettbergen bedeutende Sportart trat Anfang der 1920er Jahre hinzu. Welche? Erinnern wir uns: die aktuelle erfolgreichste Handballmannschaft in Deutschland heiß THW Kiel. THW meint nicht ?Technisches Hilfswerk? sondern ?Turnverein Hassee-Winterbek?, 1904 als Turnverein gegründet, ab 1923 mit einer Handballsparte. Und etwas Weiteres: in der Handball Bundesliga spielt der HSV Hamburg. An einen Aufstieg in die Bundesliga kann man sich nicht erinnern. Kein Wunder, denn bis 2002 war dieses Team die 1. Herrenmannschaft des VfL Bad Schwartau, eines ?Vereins für Leibesübungen?, 1863 als Männerturnverein gegründet. Viele Turnvereine begannen nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Handballspiel, und zwar bis in die 1960er Jahre Feldhandball.

Handball war eine ganz junge Sportart, entstanden aus den Turnerspielen Netz- und Korbball, und zurückgehend auf den Berliner Oberturnwart Max Heiser. Er entwickelt 1917 die Regeln für eine ästhetische Ballsportart, die auch von Frauen gespielt werden könne. Handball wurde von vielen als ?Deutscher Ballsport? verstanden: das Olympiafinale 1936 in Berlin zwischen Österreich und Deutschland fand in Anwesenheit Hitlers vor 100.000 Zuschauern statt!

Fußball wurde von vielen Turnern noch lange Zeit als ?Fußlümmelei? verunglimpft, ein Begriff, den der Stuttgarter Turnlehrer Karl Planck 1898 geprägt hatte. Fußball sei rüpelhaft, ein ?englischer Aftersport?. Fußball verrohe die Sitten und wirke der Erziehung zu Ordnung und Disziplin entgegen. Fußball widerspreche in seinem Wettbewerbscharakter der moralischen Bildung. Dies spricht für sich.

In Wettbergen begann im Übrigen 1918 erst die Jugendsportarbeit. Denn bis 1917 waren Arbeitersportvereine als politische Organisationen eingestuft worden, die keine Mitglieder unter 18 Jahren haben durften. Die Turn- und Spielübungen der Jugendlichen zeigten raschen Erfolg. Am weitesten brachte es ein Läufer. Heinrich Pulz belegte beim ersten deutschen Arbeiter-Turn- und Sportfest vom 22. bis 25. Juli 1922 in Leipzig einen hervorragenden zweiten Platz im Langlauf, scheiterte aber bald darauf bei den allgemeinen deutschen Meisterschaften in Berlin.

Wer allerdings annimmt, Männer wie Pulz seien auf eine Sportart dressierte Hochleistungssportler gewesen, irrt. Es waren Menschen, die im normalen Berufsleben standen. Pulz hatte jeden Tag den weiten Weg zum Reichsbahnausbesserungswerk nach Leinhausen zurückzulegen; und es waren Menschen, die mehrere Sportarten parallel betrieben: Turnen, Handball und andere Turnerballsportarten und mehr und mehr Leichtathletik. Damals wie heute stand Breitensport in Wettbergen im Mittelpunkt.

Nach dem Ersten Weltkrieg verloren auch die alteingesessenen Wettberger die Scheu vor dem Arbeitersportverein. Nur der Frauensport stand noch im Abseits. Selbst Arbeitersportvereine mochten sich vom damaligen Rollenklischee der Frau nicht trennen und verwiesen sie auf turngymnastische Übungen mit Tambourin, Reif und Bändern. Wie sehr der Sport aber in das Alltagsleben der Wettberger eingedrungen war, zeigte das zwanzigjährige Vereinsjubiläum 1929, das im ganzen Dorf gefeiert wurde. Über 30 Vereine aus der Nachbarschaft kamen zum Wettkampf und zum Fest nach Wettbergen.

Die Einwohnerzahl Wettbergens lag zu jener Zeit weiterhin bei nur 700 Personen; wie bisher war das Dorf ein Ort in dem Bauern, Handwerker und Arbeiter nebeneinander lebten. Linden aber wuchs weiter, gemeindete Dörfer ein und baute Oberricklingen aus. Seit 1920 gehörte Linden zu Hannover. Allmählich näherte sich die Großstadt dem Dorf.

3. ?Gleichgeschalteter? Sportverein

Anfang der 1930er Jahre zeigten sich Einschnitte: Viele Wettberger wurden seit 1930 arbeitslos, und immer mehr Menschen sahen im Nationalsozialismus eine politische Zukunft, ohne auf die eindeutigen Schattenseiten zu achten. Als am 30. Januar 1933 die Hitlerregierung von den bürgerlich-nationalen Politikern an die Macht gebracht wurde, nahte das Ende der Arbeitersportbewegung. Erheblicher Widerstand war nicht zu erwarten, denn 47% der Mitglieder des Arbeiter- Turn- und Sportbundes in Deutschland waren 1932 arbeitslos. Im April 1933 schon wurde der TV Jahn aufgelöst, und zwar als ursprünglicher Arbeiterturnverein zwangsweise, hätte er doch nach der Vernichtung der demokratischen Parteien durchaus die organisatorische Grundlage für Opposition sein können.

Die Wettberger machten nach der Zwangsauflösung von Jahn Wettbergen in einem sofort neu gegründeten Turnverein Wettbergen weiter, der sich nun den sportlichen und politischen Zielen der Nationalsozialisten anpasste. Nur einige Ältere zogen sich zurück. Die übrigen trieben Sport wie bisher. Bald nach dem Kriegsausbruch 1939 erlahmte erneut der Sportbetrieb und wurde alsbald ganz eingestellt.

In der NS-Zeit gedieh Fußball, den Argumenten für ?deutsche Sportarten? zum Trotz, zum politisch gestaltbaren Massensport. Gespielt wurde 16 Gaustaffeln; Schalke 04 sammelte sechs deutschen Meisterschaften von 1934 bis 1942. Hannover 96 wurde 1938 deutscher Fußballmeister. In der Saison 1932-33 scheitere der SV Armina Hannover (schon 1920 Norddeutscher Meister, lange bevor beim HSV oder bei 96 daran zu denken war) im Viertelfinale der Deutschen Meisterschaft am späteren Titelgewinner Fortuna Düsseldorf. Die besten Fußballspieler waren gleichsam ?Staatsamateure?. Es lag nahe, dass nach 1945 an diese Form des Massensports angeknüpft wurde.

Und Wettbergen? Es fehlt zweierlei, eine umfassende Aufarbeitung der Sportgeschichte und der Ortsgeschichte von 1933 bis 1945, und das in einem Ort, in dessen Sichtweite das Lager für Zwangsarbeiter auf dem Mühlenberg lag.

4. Neugründung 1945

Als im April 1945 Hannover befreit und im Mai die Kapitulation Frieden brachte, gab es wichtigeres als Sport zu treiben. Die Alliierten verboten zunächst sportliche Zusammenschlüsse aus der Sorge, in ihnen könnten sich alte Nazis organisieren. Auch hatten es gerade die Turnvereine schwer, war doch der Turnvater Jahn von den Nationalsozialisten als ihr ureigenster Vorkämpfer in Anspruch genommen worden.

Anknüpfungspunkt für einen neuen Turnverein konnte daher am einfachsten der alte Arbeitersportverein sein. Als im Herbst 1945 die Alliierten die Vereinsbildungen erleichterten und allmählich der Wunsch unter den Menschen wieder aufkeimte, sportliche Geselligkeit zu suchen, begannen einige Wettberger, von denen schon viele dem TV Jahn Wettbergen angehört hatten, eine Brücke zur Zeit vor 1933 zu bauen, und gründeten einen neuen Verein, den dritten, nämlich die heutige Turn- und Sportgemeinschaft Wettbergen.

Unter Vorsitz von Willi Pulz fand am 9. Dezember 1945 die erste Mitgliederversammlung statt. Man beschloss, zwei Turnabende einzurichten und auch Jugendliche für den Sport zu gewinnen. Und man sang das Lied aus den 1840er Jahren ?Turner auf dem Streite?, ich zitiere einige Passagen:

Turner auf dem Streite
Tretet in die Bahn
Kraft und Mut geleite
uns zum Sieg hinan! ?

Nicht mit fremden Waffen
schaffen wir uns Schutz
Was uns anerschaffen
ist uns Schutz und Trutz?

Wie zum Turnerspiele
ziehn wir in die Welt;
der gelangt zum Ziele,
der sich tapfer hält.
Männern, stark und wahr
strahlt der Himmel klar!

Dieses ursprünglich demokratische Lied aus dem Vormärz klang nach dem Zweiten Weltkrieg bizarr, knüpfte es zwar an Arbeiterturnideen an, schien es doch eher an Naziideologie zu erinnern.

Viele Männer waren gefallen oder noch in Gefangenschaft. Dennoch war am Ende des Krieges die Einwohnerzahl Wettbergens auf ca. 1500 Personen hochgeschnellt. Hannover war weitgehend zerstört, so dass viele Ausgebombte in Dörfern wie Wettbergen ein Unterkommen gefunden hatten. Während sie nach und nach wieder in die Stadt zurückkehrten, kamen Flüchtlinge und Heimatvertriebene. Der Saal des Wirtshauses Steingrobe stand nicht mehr zum Turnen zur Verfügung, weil hier Flüchtlinge unterkommen mussten. Der Sportplatz war völlig ruiniert. Sportbekleidung und Sportgeräte gab es kaum. Zu den anfangs monatlichen Vereinsversammlungen musste Brennstoff mitgebracht werden. Doch dies störte ? gerade in der Not ? nicht den Wunsch nach sportlicher Geselligkeit. Schon im Mai 1946 fand eine erste Werbeveranstaltung für den neuen Sportverein statt, und im selben Jahr wurde der Sportplatz notdürftig hergerichtet. So zählte die TuS Wettbergen im Juli 1947, eineinhalb Jahre nach ihrer Gründung, bereits 74 Mitglieder, fast so viele wie vor dem Krieg.

Allerdings klagte der Vorsitzende stets, die Turnabende seien zu schlecht besucht. An die alte Arbeiterturnbewegung ließ sich 1946 nicht mehr erfolgreich anknüpfen. Die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen kannten die Wettberger Tradition nicht, und die Jugendlichen bevorzugten den modernen Fußball.

Konsequent schlug Siegfried Tausch daher am 26. Oktober 1946 vor, eine Fußballmannschaft aufzubauen. Am 19. Januar 1947 wurde er zum ersten Fußballobmann ernannt, und im April 1947 fand das erste offizielle Punktspiel der TuS Wettbergen in Goltern satt, auch wenn nicht alle Spieler Fußballschuhe oder ein Trikot besaßen und für die Heimspiele gar alte Flak-Tarnnetze hinter den Torrahmen gespannt werden mussten. Nun begannen konfliktreiche Monate in der TuS. Im Juli 1947 schimpfte der Vorsitzende, nur das Fußballspiel lebe, das Turnen gerate in den Hintergrund. Wenn der Abend fürs Geräteturnen angesetzt sei, solle kein Ball mehr auf dem Rasen liegen, sonst seien die Geräte sofort leer: die einstige ?Fußlümmelei? wurde Lieblingssportart und sogar Handball wurde nun zunächst nur noch von einer neu gegründeten Damenmannschaft gespielt.

Ab Ende der 1950er Jahre war die TuS kein Turnverein mehr. 1952 konnte die TuS keine Mannschaft mehr für das Turnfest in Wennigsen zusammenbekommen. 1958 wurden ungenutzte Turngeräte an die Gemeinde Almhorst verliehen. Stetig wuchs nur das sogenannte Kinderturnen, das seit dem Kriege auch für Kinder unter 14 Jahren möglich wurde. Erneut versuchten sich einige Wettberger Aktive wieder als Leichtathleten. Fast alle Vereinsmitglieder betrieben mehrere Sportarten. Einmal mehr stand der Breitensport im Vordergrund - und dazu weiterhin die feucht-fröhliche Geselligkeit: Maskeraden wurden gefeiert, zur Freude des ganzen Dorfes spielte man Theater zusammen.

Zu den Sportveranstaltungen ging man zu Fuß, erst allmählich besaßen wieder mehr Menschen ein Fahrrad. Das Auto war ein Luxusgefährt. Und wie schlecht war anfangs die Einbindung Wettbergens an das öffentliche Verkehrssystem! Dass die 1. Fußballmannschaft im Februar 1949 nach Holtensen mit einem angemieteten Bus fuhr, wurde eigens im Protokollbuch vermerkt.

Seit Anfang der neunzehnhundertfünfziger Jahre bis zur Mitte der sechziger Jahre gehörte Wettbergen zu den stadtnahen Dörfern, aus denen mehr Menschen abwanderten als zuzogen. Gerade Ausgebombte und manche Flüchtlinge bevorzugten eine noch dichtere Stadtnähe. So stagnierte auch die Mitgliederzahl der TuS für ein Jahrzehnt bis Mitte der sechziger Jahre bei wenig mehr als 100 Personen, bezogen nun aber, anders als beim alten Arbeitersportverein, alle sozialen Gruppen in der Gemeinde ein.

Nichtsdestoweniger: wer für die Nachkriegszeit einen Blick in die Protokolle der TuS geworfen hat, weiß auch von zahlreichen Konflikten, Kampfabstimmungen oder verärgerten Austritten bis Gegengründungen zu berichten. Man darf nichts schönreden.

5. TuS als Vorort- und Familienverein

Vor nunmehr ca. 45 Jahren begannen die Veränderungen, die aus dem Dorfverein einen großen Vorstadtverein erwachsen ließen. In der Jahreshauptversammlung 1964 wurde erstmalig der zu erwartende Bevölkerungszuwachs in Wettbergen angesprochen, der die Umgestaltung des Ortes so nachhaltig prägen sollte. Noch betrug die Mitgliedszahl insgesamt 135 Personen, vierzehn Jahre später waren es 2000. Wettbergen gedieh zu einem vorstädtischen Expansionsgebiet und wurde ein Wohn-Pendler-Ort mit Freizeit-Feierabendgemeinschaft.

1969 beschloss der Wettberger Gemeinderat den Ausbau der Sportstätten zu einem Sportpark, der schließlich 1974 eingeweiht wurde, in eben jenem Jahr in dem Wettbergen seine kommunale Selbständigkeit an die Stadt Hannover verlor. Jüngst erst wurde das Terrain erweitert um vergrößerte Tennisanlage, einen dritten Fußballplatz und eine Beachsportanlage. Zu bewundern ist, mit welchem hohem, eigenem Vereinsengagement dies alles einst und heute geschah. Das Gesamtensemble der heutigen Sportanlagen am Wettberger Holz und inmitten der Felder des Calenberger Landes ist vielleicht das schönste in Hannover.

Für die Zeit von 1975 bis 2004 bin ich beobachtender Zeitzeuge der Entwicklungen (Mitglied von 1979 bis 1995, siehe Foto S. 12 oben rechts im gelben Jubiläumsheft). Wie habe ich die TuS wahrgenommen. Es war Platz für Leistungssport. Ich denke an die Leichtathletikerfolge, gerade der weiblichen Jugend, in den 1970er und 1980er Jahren, an die vorzügliche Leistungen jüngst im Tennis und im Badminton, an die TuS Fußballmannschaft, die heute in der selben Klasse wie der SV Arminia Hannover spielt, und zwar dessen erster Mannschaft. Dennoch stand und steht Breitensport stets im Mittelpunkt. Insbesondere die Mitbürger in der so genannten ?Familienphase? werden in den Verein eingebunden, und dennoch ist Platz für den Sport in allen Generationen. Vorbildlich war und ist die Aufgeschlossenheit für neue Richtungen in Gesundheit und Sport, so spezielle Programme für Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder aber die Anlage eines Fitnesszentrums. Und weiterhin blieb die ?soziale Komponente? - trotz Querelen, die es bisweilen gab - die fröhliche Gemeinschaft. Gern erinnere ich mich an das mehrstimmige Singen unter der Dusche, bis aus dem Nachbarduschraum Applaus kam, an Sylvesterläufe mit anschließendem ?Fliegenschießen? (wie war eigentlich die Fliege in die Umkleide gelangt und warum traf sie kein Sektkorken?) oder an das Feiern mit ?handgemachter? Musik in der Garage.

6. Ein Ausblick

Die Geschichte der TuS von bisher vier Phasen geprägt:

1909 - Gründung als Arbeitsportverein
1933 - Gleichschaltung im Geist des Nationalsozialismus
1945 - Neugründung in alter Tradition
ab Ende der 1960er Jahre- Umstrukturierung zum städtischen Vorort- und Familienverein.

Gut die Hälfte ihres Bestehens war der Verein ein Dorfclub, der sich vom Arbeitersport zum alle sozialen Gruppen umfassenden Verein entwickelte. Fast die Hälfte seines Bestehens ist der Verein die modernen TuS, die wir kennen. Man ist sich bei der TuS der Herausforderungen für die nächsten Jahre bewusst: des Problems der privaten Sportanbieter oder des Problems, die berufsaktive Altersgruppe für Mitarbeit in Vereinen zu gewinnen.

Die zukünftige Mitgliedschaftssituation dürfte in Wettbergen durchaus günstig sein, denn die Altersgruppe der Personen über 60 zeigt mittelfristig kontinuierlich: diese haben Erfahrung für Ehrenamt, diese benötigen altersgerechten Sport. Wettbergen ist zudem kein schrumpfender Stadtteil mit weiterhin hohem Anteil von jüngeren Menschen. Schließlich biete sich für Sportvereine ohnehin die Kooperation mit Schulen hinsichtlich zukünftiger Ganztagsschulen an.

Der Verein, der als TuS Wettbergen jetzt sein 100-jähriges Jubiläum feiert, hat sich über die großen historischen Wandlungsphasen der deutschen Geschichte bewahrt, und er hat seine Leistungsfähigkeit als dörflicher Arbeitersportverein von einst bis zum Vorstadt-Familienverein jüngst bewiesen.

Schon vor 25 Jahren habe ich den Festvortrag zum Jubiläum halten dürfen, vielleicht klappt es ja in 25 Jahren erneut - und insofern nenne ich zum Schluss meine ganz und gar optimistische Hoffnung:

Die TuS ist flexibel und vital genug, um die Herausforderungen der Zukunft zu meistern!

Prof. Dr. Carl-Hans Hauptmeyer, Vortrag am 21. August 2009 in Wettbergen