Wiedergründung 1945-1946

Nach dem Kriegsende musste der Wiederaufbau Deutschlands in Angriff genommen werden, und dieses Ziel hatten sich gewiss auch einige engagierte Bürger für den Wettberger Sportverein gesetzt. Al­lerdings kämpfte man jetzt gegen ein ähnliches Pro­blem,wie seinerzeit bei der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten: In diesem Fall befürchteten die Besatzungsmächte, dass so genannte sportliche Vereinigungen als Sammelbecken und Brutstätte für "Alt-Nazis" dienen könnten, zumal letztere sich in der gerade verstrichenen Geschichtsepoche die Ide­en des Turnvaters Jahn nach ihren Vorstellungen"zurecht geschustert" hatten. So war schon allein das Wort"Turnen" den Besatzern ein Dorn im Auge, und so blieb nur die Fortführung in Form des guten, al­ten Arbeitersportvereins. Als es im Herbst des Jahres 1945 dann zu einer Lockerung der Bestimmungen für Sportvereine durch die Alliierten kam, war der Zeitpunkt gekommen, den Wunsch nach gemein­schaftlichem Turnen und Sport in die Tat umzusetzen. Eben diese Ziele führten zu dem neuen Namen Turn- und Sportgemeinschaft Wettbergen, unter dem sich die neuen Mitglieder zusammenschlossen, die natürlich zum Teil schon aus dem alten Turnver­ein Jahn Wettbergen stammten.

So fand am 9. Dezember 1945 ?Die 1.ordentliche Versammlung der Turn- und Sportgemeinschaft Wettbergen" unter dem Vorsitz von Willi Pulz statt, der dem Verein als 1. Vorsitzender bis ins Jahr 1949 vorstand. Die Besprechungspunkte und -ergebnisse wurden natürlich schriftlich festgehalten,und zwar ineinem eigens dafür angeschafften Protokollbuch für 4,20 Reichsmark, das auch heute noch existiert. So stand zum Beispiel darin: ?ZumPunkt drei wur­de beschlossen es sollen noch sämtliche außenste­henden Sportfreunde Gelegenheit haben Mitglied zu werden. Allerdings wird über jedes neu hinzu gekommene in derdarauf folgenden Monats­versammlung abgestimmt werden."

? Zum Punkt vier. Als Vereinslokal wurde das Lokal ?Zum goldenen Stern" (im Haus Lübbe) des Sport­freundes Willi Steingrobe einstimmig bestätigt."

 

Heinrich Pulz, der erfolgreiche Läufer aus den zwanzigerJ ahren, war übrigens nun erster Turn­wart,der in seinem Amt unter anderem durch Au­gust Heimberg unterstützt wurde. Unter Punkt sechs der Tagesordnung heißt es: ?Die Turnabende wur­den auf Dienstag- u. Freitagabend von 19 1/2 bis 21 Uhr festgelegt. Ferner wurde beschlossen die Schulju­gend von 10 - 14 Jahren unter Aufsicht des Sport­freundes Willi Pulz und Fritz Quast jeden Dienstag von 18- 19°° ihr Können zu zeigen."  

Man einigte sich, die Monatsversammlungen an je­dem ersten Sonntag eines Monats um 15 Uhr 30 abzuhalten. Zum Abschluss dieser ersten sehr denkwürdigen Versammlung wurde noch folgender Satz  im Protokoll festgehalten:?Auch mögen die älteren Sportfreunde, der Jugend zum Vorbild aktiv am Turnen teilnehmen."

Dies beinhaltete den Grundsatz der Jugendpflege, der von der TuS Wettbergen noch heute angewandt wird, wenn natürlich auch in einer anderen Art und Weise als zur damaligen Zeit. In seinem allerletzten Satz teilt uns der 1.Schrift­wart Otto Kast, der später einmal als 1. Vorsitzender fungieren sollte, mit, dass die Versammlung mit dem Singen des Liedes "Turner, auf zum Streite!"beendet wurde.

In der Zeit des Wiederaufbaus ging es den Bürgern natürlich nicht sehr gut, es fehlte an vielem im Privatbereich und auch im Vereinsleben: der Sport­platz war zerstört, es mangelte an Turngeräten und Sportbekleidung, und traurigerweise waren viele Männer gefallen oder noch in Gefangenschaft. Trotzdem bestand gerade in dieser düsteren Zeit der Wunsch, sich beim gemeinsamen Sport auszuglei­chen und auf andere Gedanken zu kommen. Also war wieder einmal Eigeninitiative gefragt, und so mussten die Mitglieder beispielsweise zu den monat­lichen Versammlungen etwas zum Heizen mitbrin­gen, damit man nicht in der Kälte saß. Wegen der Zerstörung der Wohnhäuser und auch des Zugangs immer weiterer Flüchtlinge konnte der Saal des Wirtshauses Steingrobe nicht für die Turnabende genutzt werden. Im Januar 1946 beschloss man, eine Damenriege einzuführen, da sich hierfür auch eine Sportlehrerin zur Verfügung gestellt hatte. Für die bevorstehende Sporttagung des Kreises am 9. Februar in Empelde wurden Willi und Heinrich Pulz als Delegierte be­stimmt, die vorher schon einmal Kontakt zu benach­barten Vereinen aufnehmen sollten, um dann besser über die Punkte Sportbekleidung und Turngeräte verhandeln zu können.
Außerdem wurde über die Geldbeschaffung für die Instandsetzung des Sportplatzes diskutiert. In einer hierzu durchgeführten Sammlung war die Summe von 500,- Reichsmark zusammengekommen. Erst­malig taucht in einem Protokoll die Ermahnung auf, doch möglichst vollzählig an den Übungsabenden zu erscheinen. Die weiteren Ereignisse des Jahres 1946 waren:

  1. Eine Maskerade, die einen Überschuss von793 Reichsmark einbrachte
  2. Die Planung einer Schnitzeljagd für denApril. Die Damenriege umfassteim März schon 16 Tur­nerinnen.
  3. Der Monatsbeitrag wurde im April für Frauen und Jugendliche unter 18 Jahren auf 50 Pf, für über 18jährige Männer auf 75 Pf festgelegt, ein Unterhaltungsabend wurde durchgeführt.
  4. Im Mai kam die Verpflichtung der Sportfreunde, an sonntäglichen Arbeitseinsätzen zum Wieder­aufbau des Sportplatzes teilzunehmen, sowie der Beschluss, einen Jugendbadetag in der Badean­stalt Kückenmühle unter Aufsicht von Lehrer Buchholz durchzuführen.
  5. Im Juli gab es 74 erwachsene und jugendliche Mitglieder, hinzu kamen 52 Kinder. Die Turnge­räte wurden vom Saal zur Schulscheune ge­schafft, denn das Turnen sollte auf dem Schulhof abgehalten werden, bis die Flüchtlingsfrage ge­klärt sei.
  6. Im Oktober wurde berichtet, dass der?Engländer" - gemeint war wohl die britische Besatzungs­macht - die Durchführung von Einheitssport in Form von Athletik, Turnen, Schwimmen verlang­te, das aber nur bei größeren Vereinen. Es fehlte noch an Erde für den Sportplatz, und man forder­te, dass für ?unsere Kleinen" was geschaffen wer­den müsse, z.B. Rundlauf, Reck oder Kletterstan­gen. Auch den Ausbau des Schützenstandes zu einer 100 m - Bahn zog man in Erwägung.
  7. Ebenfalls im Oktober 1946 wurde der"Grund­stein" für die noch heute existierende Sparte Fuß­ball gelegt. Der am 26.10. neu aufgenommene Sportfreund Siegfried Tausch erklärte sich näm­lich noch am gleichen Abend bereit, den theoreti­schen Unterricht für das Fußballspielen zu über­nehmen,"solange es das Wetter erlaubt auch draußen". Dazu wurde die Hoffnung geäußert, dass von den jungen Sportfreunden das nötige In­teresse aufgebracht werde und im Sommer mit einer Liga -Mannschaft gestartet werden könne.  Abschließend stellte Otto Kast noch "ein Tisch­tennis"zur Verfügung, was allgemein als beson­ders begrüßenswert für die Winterabende angese­hen wurde. Eine Tischtennisabteilung kann die TuS übrigens heute ebenfalls aufweisen.

Das lustige Vereinsleben bis 1950

1947

Die inzwischen etablierte Sportart Fußball erlebte einen Aufschwung, so dass es im März schon erste Schwierigkeiten bei der Abstimmung der Übungs­zeiten mit den Turnern gab. So hieß es zum Beispiel im Juli, ?obwohl der Fußball lebt und die Beteili­gung in diesem Fach sehr rege ist, kommt das Gerä­teturnen dagegen sehr in den Nachteil." Deshalb sprach der 1. Vorsitzende Willi Pulz, ?dass, wenn der Abend für Geräteturnen angesetzt sei, kein Ball auf dem Sportplatz sein möge; denn wie so oft, waren die Geräte bald darauf leer und verlassen."

 

Trotz dieses Booms war die Situation der Fußballer auch nicht besonders rosig, wurde doch von ihnen verlangt, die Sporthosen des Vereines nicht alltäg­lich zu tragen. Begründet wurde dies mit der schlechten Beschaffung von Sportbekleidung. Auch an Fußballstiefel war schlecht heranzukommen, denn dem Landsportkreis wurden nur 35 Paar zur Verfügung gestellt. Von der Kreistagung im April berichtete man, dass es einen ordentlichen Aufschwung gegeben habe. Hat­te der Kreis 1945noch 4.936 Mitglieder, so war diese Zahl 1946 auf 15.600 angewachsen. Außerdem for­derte man bei der Tagung, den allgemeinen Sport zu fördern, "...so dass ein Fußballer auch ein Turner und Leichtathlet sei,aber auch umgekehrt". Für den ge­samten Kreis wurden zu besagter Veranstaltung auch 300Hosen und 80 Paar Stiefel verteilt.

Eine Haftpflichtversicherung für die Spieler (wohl Fußball) wurde einstimmig beschlossen, was mit ei­nem Kostenaufwand von 41/2 Pfennig pro Mann und Jahr verbunden war. Und auch das allererste Fußballspiel stand ins Haus. Es sollte im April in Goltern stattfinden, ein Sport­freund erklärte sich bereit, die Spielerdorthin zu fahren (man bedenke, dass es in jener Zeit noch nicht sehr viele Fahrzeuge gab), wofür dann auch jeder Spieler eine Mark zu zahlen hatte. Die Spiele muss man sich so vorstellen, dass nicht unbedingt alle Spieler über Trikots oder gar Fußballschuhe verfüg­ten,die Tore des eigenen Platzes waren provisorisch mit Flak-Tarnnetzen versehen. Die ersten Spielerpässe, die sich teilweise noch im Besitz des Vereins befinden,wurden im September 1947 ausgestellt und von den Spielern unterzeich­net. Als Vereinsstempel ist auf ihnen der Name"TSG Wettbergen" zu lesen.

Im Spätsommer wählte man erstmalig einen Presse­wart, um der Öffentlichkeit den Verein möglichst positiv nahe zu bringen.Gegen Ende des Jahres wur­de noch über die Beschaffung von Asche und Sand für den Sportplatz gesprochen, ein Benefiz-Fußball­spiel zugunsten der Sportheilstätte Gellersen ange­setzt, und man konnte gegen Lieferung von Altpa­pier vom "Niedersachsensport" eine Sportzeitung beziehen. Einer der letzten Gesprächspunkte war die Ermahnung, doch regelmäßiger zum Saaltraining zu erscheinen, und man legte für den Fall des Fern­bleibens eine Strafe in Höhe von einer Mark fest.

Als neue Sportarten waren Feldhandball für Damen und Tischtennis im Gasthaus Stecker eingeführt worden(man erinnere sich an die von Otto Kast ge­stiftete Tischtennisplatte). Vereinseigene Platten wurden schließlich erst 1953 angeschafft.

1948

Der Verein verfügte zum Jahreswechsel über 116 Mitglieder einschließlich Knaben und Mädchen, hatte vom Kreis noch einen Zuschuss in Höhe von 400 Reichsmark erhalten, während kurz darauf die Währungsreform das neue Zahlungsmittel D-Mark in Umlauf brachte. Auf Versammlungsbeschluss soll­te der Kassenwart als Anerkennung für seine gute Arbeit l % der Einnahmen und Ausgaben erhalten.

Es wurden Pflichtarbeitsstunden eingeführt zur In­standsetzung des Sportplatzes, um im Herbst am 20. Oktober die Einweihung und das 40jährige Bestehen feiern zu können, wobei man sich da vermutlich in der Jahreszahl geirrt hatte. Die Monatsbeiträge wur­den nach der Währungsreform auf 0,50 DM für Er­wachsene und 0,30 DM für Jugendliche festge­setzt. Langsam entfaltete sich der Verein: die Breite des Sportangebots nahm zu, die ursprüngliche Gründungsidee hingegen, nämlich das gemeinsame Turnen,nahm ab. Einzige Ausnahme war das Kinderturnen, das seit dem Krieg auch für Jugendliche unter 14 Jahren möglich war. Eine Betrachtung der heutigen TuS verdeutlicht, dass seit jenen Jahren das Turnen zwar als Hauptsportart ausgedient hat, aber den Kindern immer noch den Einstieg in den Verein und die "Grundausbildung" für alle anderen Sportarten ermöglicht.

1949

Nach der Neuwahl von Heinrich Kebel zum l. Vor­sitzenden fand zu Beginn des Jahres eine recht dra­stische Beitragserhöhung statt: Männer hatten jetzt 1,00 DM zu zahlen, Frauen und Jugendliche 50 Pfennig. Man plante den Entwurf eines Vereins­zeichens, das bald auf der Brust der Mannschaften zusehen sein sollte. Ab Februar war eine Vereins­nadel für den Preis von 1,50 DM zu haben.

 

Es gab einen Plan mit Kostenvoranschlag von einem Architekten für einen neuen Sportplatz. Die Kosten sollten 20.000,- DM betragen, eine Erdverschiebung von28 Zentimetern war erforderlich, und es gab 1.000Bausteine, allerdings in Form von Gutscheinen zum Stückpreis von l,- DM. Bis zum 1. April waren von den männlichen Mitgliedern für diese Baumaßnahmen10 Pflichtarbeitsstunden zu absol­vieren,für jede fehlende Stunde sollte eine Mark in die Vereinskasse gezahlt werden. Grassamen besorgte ein Vereinsmitglied von der Ge­nossenschaft zu Großhandelspreisen, und im Ver­lauf des Jahres mussten alle Mitglieder mehrm als zur verstärkten Mithilfe an den Bauarbeiten aufgefor­dert werden.

Wettberger "Leichtathleten"wurden für ein Bergs­portfest in Benthe gemeldet, nämlich eine Herren-und eine Jugendmannschaft bestehend aus je zehn Läufern.

Das zum Jahresanfang angekündigte Vereinsab­zeichen gab es schließlich für 1,70 DM zu kaufen, und man plante die Einweihung des neuen Platzes mit Festzelt für das Jahr 1950. Eine ungewöhnliche Begebenheit war, dass über die Aufnahme eines Mit­gliedes in geheimer Abstimmung beschlossen wer­den musste, wobei die Anwesenden mit 12 Ja- gegen 8 Nein- Stimmen sich recht knapp für die Aufnahme entschieden.

Gegen Ende des Jahres gab es dann noch das Ange­bot des Deutschen Roten Kreuzes, bei Vereins-Veranstaltungen auf Anforderung Hilfeleistung zu stellen. Die TuS Wettbergen selbst hatte sich über das Jahr hilfsbereit gezeigt, unter anderem bei Sammlungen für Tuberkulosekranke sowie bei der Aktion "Helft der Jugend".